Sonntag, 3. Februar 2019

3. Frühaufsteher

War ich in der ersten Nacht noch wie tot in meine Matratze gesunken und innerhalb von Sekunden eingeschlafen, so wird dies in der zweiten Nacht deutlich schwieriger. Nachdem ich mit einigen meiner Mitbewohner noch in den Gassen Barracas etwas trinken war, kommen wir schon sehr spät am Abend wieder. Direkt neben unserem Hostel hat unvermittelt (an einem Donnerstag Abend) ein Club seine Pforten geöffnet und DJ MAGIC SANTIAGO beschallt sowohl Tanzfläche als auch unseren Schlafsaal mit lautem Techno. Auch wenn die Musik eigentlich ganz stabil ist und ich lauten Bass im Hintergrund von Festivals gewohnt bin, kriege ich in dieser Nacht fast kein Auge zu. Alle umstehenden Autos haben ihre Alarmanlage angeschaltet reagieren dazu noch äußerst sensibel auf den fickenden Bass. Alle zwei Minuten heult vor unserer Haustür eine Sirene laut auf und reißt die versammelte Mannschaft aus dem Schlaf. Da helfen auch Kopfhörer und Rachmaninows 2. Klavierkonzert in c-Moll wenig - gegen fünf Uhr morgens endet die Party und Magic Santiago kann seine Sachen wieder einpacken. 
Eben dasselbe beschließe ich auch für den übernächsten Tag. Lima ist groß, laut und schmutzig und nach meiner durchwachten Nacht liegt die Betonung dabei auf laut. Die Vorstellung, mich durch schwitzende Menschenmassen zu kämpfen um mir irgendwelche besonders wichtigen Sightseeing-Sachen anzuschauen, macht mich nicht sonderlich an und ich beschließe zu meiner ersten richtigen Station aufzubrechen. Hauptsache wieder Natur, weniger Menschen und ein wenig Ruhe. Auch wenn südamerikanische Metropolregionen ihren unvergleichlichen Flair haben so sind sie doch meistens ganz schön anstrengend - zumal ich selber aus einer Großstadt komme.
Vier Busstunden südlich von Peru gibt es eine große Sandwüste, die mir schon häufig empfohlen wurde. Außerdem war ich bis jetzt noch nie in einer Wüste. Es soll malerische Dünen geben, der Himmel strahlend blau und in ihrer Mitte liegt eine Oase, mit Palmen und einer Wasserquelle, die zum Verweilen und Ausruhen einlädt. Klingt doch eigentlich nach einem Paradies - wären da nicht nur die vielen vielen anderen Leute, die diese Idee ebenfalls hatten und zu tausenden in die wenigen Hotels und Hostels strömen, mit denen man die Oase zugebaut hat. Man hatte mich sogar noch gewarnt, dass Huacachina eine Touristenfalle ist, aber dass es so schlimm ist, wusste ich nicht. Nun sitze ich im billigsten Hostel des Ortes und kann zumindest von mir behaupten, eine echte local experience zu haben, sind um mich herum doch ausschließlich Peruaner, die ihren Familienurlaub hier verbringen. Gringos, mit denen ich ein paar mehr Worte wechseln kann als „Haben Sie noch ein freies Zimmer?“ oder „Wo ist hier der nächste Geldautomat“ sehe ich nur selten. Neben einigen Restaurants und Touristenbuden gibt es hier nicht viel, außer die unzähligen Moskitos, die bei Nacht in Scharen ausschwärmen in der Hoffnung, ein Loch in den Moskitonetzen zu finden. Auch wenn ich nach dem halben Jahr zu dritt unterwegs sein der Erfahrung halber unbedingt alleine reisen wollte, merke ich doch auch schon die Nachteile, die das dann mit sich bringt. Wenn man in einer Sackgasse feststeckt, dazu noch in einem Hostel, was zwar einen winzigen Pool hat, ich aber nicht weiß, ob er einfach nur sehr flach oder nur sehr schmutzig ist, ist man ganz alleine. Der Spaziergang durch die Wüste hilft gegen das kurz aufkommende Gefühl von Einsamkeit - auch wenn ich nicht lange brauchen um festzustellen, dass Wüsten jetzt nicht so mein Ding sind. Auch wenn ich es schon geahnt habe - es ist gut endgültig zu wissen, dass Wüsten größtenteils aus Sand bestehen. 
Als Attraktionen kann man hier mit einem lauten Geländejeep durch die Dünen gekarrt werden um anschließend mit einem Sandboard eigenmächtig wieder herunterfahren. Ich entscheide mich für einen schweißtreibenden Aufstieg mit anschließendem Panorama  Auch wenn es irgendwo einen gewissen Reiz hat: es ist so ziemlich das Gegenteil von unberührter Natur. Das Wasser der Lagune riecht ziemlich mies und selbst hier ist das Müllproblem nicht zu übersehen. Vor einiger Zeit muss das hier mal ein malerischer Ort gewesen sein, jetzt dient er vorwiegend als Hintergrund für südamerikanische Influencer und Hochzeiten (ich bin vermutlich auf mindestens drei Hochzeitsfotos irgendwo zu sehen). Ich empfehle den Abu-Dhabi Foto Filter. Der leichte Rot-Stich kommt bei dem Licht hier echt gut. 
Nach dem Aufstehen heute um sechs Uhr in der früh (die Kombination aus Jetleg, hoher Temperatur und lauter Salsa-Musik machen mich hier tatsächlich zum Frühaufsteher) erreicht mich allerdings eine schöne Nachricht: die SPD hat mich wegen Parteidoppelzugehörigkeit ausgeschlossen. Da ich mein Engagement bei diesem komischen Haufen ohnehin nicht mehr sonderlich ernst genommen hab, hatte ich die Mitgliederbetreuung kürzlich darüber informiert, dass ich nicht nur Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, sondern auch der der sehr guten Partei „Die Partei“. Auch wenn deren Leitmotto zwar immer war, endlich Inhalte zu überwinden finden ich in inzwischen in ihren Programmpunkten die schlüssigsten Antworten für die Zukunft. Da ich bereits 2013 für die Groko-Abstimmung in die SPD eingetreten, zwei Jahre später aber wieder ausgetreten war, hatte ich nun das Gefühl, dass die Gegenseite mal dran war. Ich hatte meinen Rauswurf selbst provoziert und deine Partei war auf meine Finte hereingefallen. Das war aber ein kurzes #SPDerneuern.

Abschließend stelle ich fest: ich hatte unterschätzt, wie sehr ich mich doch an Land und Leute gewöhnen muss, auch wenn ich bereits viel Zeit in Perus (nahen) Nachbarländern verbracht habe. Das Alltagsleben funktioniert hier anders und alles, was in Deutschland durch Apps und strikte Regeln gemanagt wird läuft hier sehr viel freier von der Hand. Aber ich stehe ja auch immer noch am Anfang meiner Reise, ganze 7 1/2 Wochen liegen noch vor mir. Also durchatmen - und das allein sein genießen.

Editorischer Hinweis: Aufgrund des schlechten Internets habe ich mich entschlossen, dieses mal auf Bilder zu verzichten. Mein bereits erwähnter Instagram Account wird aber wärmstens empfohlen. 

Freitag, 1. Februar 2019

2. Kulturschock

Ich bin wieder da! Selten hat mich der Geruch von Motorenöl, Staub und verbranntem Plastik so glücklich gemacht, als ich um sechs Uhr verschlafen aus dem Flughafen von Lima wanke. Ich werde vom Hostelfahrer durch die halbe Stadt gefahren und beobachte amüsiert den südamerikanischen Verkehr: aus drei Spuren werden wie durch Zauberhand vier bis fünf, die Hupe dient als aktive Fahrhilfe. Die Ampelphasen werden großzügig ausgelegt und obwohl ich das alles bereits kenne, bin ich völlig erschlagen. Das könnte aber auch mit dem leichten Temperaturwechsel zusammenhängen: als ich in Deutschland ins Flugzeug stieg, waren um mich herum Temperaturen um den Gefrierpunkt, hier zeigt das Thermometer 28°C und die Luftfeuchtigkeit liegt bei gefühlten 300%. Zu meinem Glück stelle ich fest, dass mein Spanisch immerhin noch ausreicht, um die notwendigsten Dinge zu regeln, aber es reicht für extrem smallen Smalltalk. 
Ich lasse meine Sachen im Hostel, da mein Bett zu dieser Uhrzeit noch belegt ist und wage erste, müdigkeitsbedingt zittrige Schritte durch die Gassen Barrancos. Um sowohl Kulturschock als auch Müdigkeit besser verarbeiten zu können, kaufe ich mir bei Starbucks einen Kaffee, gebe mich als Pablo aus. Rauchend setze ich mich auf eine Parkbank und frage mich, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Die Leichtigkeit Südamerikas ist noch nicht in mir angekommen, bei jedem Hupen eines Autos oder Mopeds, was hier wie gesagt zum guten Ton gehört, zucke ich leicht zusammen. Die Straßen überquere ich zögerlich und erinnere mich dunkel, dass man hier am Besten dran ist, wenn man einfach losgeht - es wird zwar gehupt und geschimpft, aber angehalten. 
Das Hostel ist angenehm klein und verwaltet sich größtenteils selbst. Der harte Kern des Hostels, alles junge Leute, die größtenteils schon mehrere Monate unterwegs sind, erledigt alle anfallende Arbeit. Der Chef schaut einmal pro Tag kurz vorbei und muss sich mehr oder weniger um nix kümmern. Das zusammenleben erinnert an eine sehr große WG, am Abend das alltägliche Ausklingen mit Drogenkonsum in all seinen landestypischer Facetten. Meine ersten neuen besten Freude sind - wie sollte es auch anders sein - zwei Deutsche. Die nicht vorhandene Sprachbarriere ist natürlich verlockend, zumal die vorherrschende Sprache hier im Hostel Spanisch ist. Ich komme mit Mühe mit, bei den katalanischen Touristen steige ich irgendwann achselzuckend aus. Am Abend rede ich mit einigen venezuelanischen Backpackern und höre schlimme Geschichten, die ich mit Hilfe meiner Freunde einigermaßen übersetzt bekomme. War mein Reisekumpane Nikolaus vor vier Jahren noch nach meinem Abschied zwei Monate in Venezuela und meinte, die beste Zeit seines Lebens dort gehabt zu haben scheint sich die Situation noch einmal dramatisch verschlimmert zu haben. Selbst die Lebensmittelmarken gehen inzwischen aus, von den Lebensmitteln selbst ganz zu schweigen. Kranke Familienangehörige sterben, da überall im Land Medikamente fehlen. Die Trinkwasserversorgung ist so dramatisch, dass sich sogar Coca-Cola  vor einigen Jahren aus dem Land verabschiedet hat. Wenn selbst Coca-Cola Geschäfte zu schmutzig werden, kann man wohl vom Schlimmsten ausgehen. Auch über die Situation in Kolumbien erfahren ich interessante Neuigkeiten und erneut ist es faszinierend zu beobachten, welche Nachrichten auch bis nach Europa dringen und welche nicht. Sicher, dass die FARC-Rebellen sich von einer Paramiliz in eine politische Partei umgewandelt haben ist dem ein oder anderen sicher untergekommen und insbesondere der Anschlag auf eine Polizeiakademie vor wenigen Tagen mit 21 Toten sorgte für einige besorgte Nachrichten von Verwandten und Bekannten. Dass Kolumbien aber zurzeit einen rechtspopulistischen Präsidenten hat, der harte Spar- und Privatisierungsmaßnahmen im Bildungs- und Gesundheitsbereich vornimmt und damit insbesondere die junge Generation gegen sich aufbringt, kommt in den Nachrichten leider nicht mehr vor. Man hat den Eindruck, dass es erst Tote geben muss damit die Nachricht es wert ist, aufgeschrieben zu werden und in der Tagesschau Sendeplätze zu beanspruchen.


Es ist schon paradox: während ich hier in Lima bin, gehen weltweit Schüler auf die Straße und demonstrieren für besseren Klimaschutz. Während ich hier sitze und dies schreibe fällt aber auch mir wieder siedend heiß ein, dass ich um hierher zu kommen drei (!) Flugzeuge bestiegen habe und es werden mehr folgen. Mein Klimabilanz ist erstmal hinüber und wie heißt es so schön - wer im Treibhaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen. Die meisten der hier anwendenden Reisenden sind in meinem Alter, kommen aber aus den unterschiedlichsten Schichten. Während ich dies schreibe, sitzen neben mir ein ehemaliger Koch, eine ausgebildete Krankenschwester und eine Linguistik-Studentin aus drei unterschiedlichen europäischen Ländern. Alle eint die Neugier auf fremde Ländern und der Wille, den anfänglichen Kulturschock hinter sich zu lassen. Wenn ich mir die Leute alle so anschaue, die sich hier so ansammeln bekomme ich tatsächlich ein positives Gefühl für die Zukunft, denn es scheint eine Generation heranzuwachsen, die sich sehr viel bewusster und positiver mit ihrer Umwelt auseinandersetzt. Wäre auch hier nicht diese verdammten Wiedersprüche: von unserer verursachten CO2-Bilanz mal ganz abgesehen, muss man sich schon eingestehen, dass wir Backpacker auch nur am Rande mitbekommen, was in diesen Ländern wirklich los ist. Ich erinnere mich an die endlosen Armenviertel, die ich auf dem Weg vom Flughafen begutachten konnte und es wäre lebensmüde, als Europäer einen Fuß in diese Ecken hineinzusetzen. Auch wenn einem Reiseführer wie der Lonely Planet suggerieren, das „echte“ Peru zu sehen und zu leben wie ein „local“, so muss auch ich feststellen, dass ich in einer wohlbehüteten Blase von vorwiegend Europäern sitze (mit vereinzelten Ausnahmen), in einem überdurchschnittlich wohlhabenden Stadtteil Limas und das Alltagsleben Perus höchstens am Rande mitbekomme. Und dennoch: die Friedfertigkeit und Weltoffenheit unserer Generation rührt sicherlich auch daher, dass man viele Länder bereist hat, die weit außerhalb unseres Kulturkreises liegen. Die vielleicht größte Lehre aus meiner halbjährigen Reise war, dass Menschen Menschen sind, so simpel das auch vielleicht klingen mag. Mit kulturellen Unterschieden im Zusammenleben und alltäglichen Umgang miteinander, aber mit genug universellen Grundüberzeugungen, die einen stutzig machen, warum es immer noch soviel Krieg und Elend auf der Welt gibt. Und Bewegungen wie „Fridays for Future“ machen doch noch mehr Hoffnung, dass die nächste Generation die Alternativlosigkeit unseres derzeitigen Wirtschaftens nicht mehr hinnimmt. In der Tat - auch Länder wie Peru, Kolumbien und alle weiteren Entwicklungsländer Südamerikas gehen nicht rücksichtsvoll mit ihrer Natur um. Die Müllentsorgung besteht meistens dadrin, den Müll zu verbuddeln oder zu verbrennen und das Bewusstsein für diese Probleme mag auch hier im Alltag längst nicht so ausgeprägt zu sein wie bei einem durchschnittlichen Europäer. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Probleme der Menschen hier deutlich andere sind als bei uns im wohlgenährten Europa. Doch umso mehr wäre es die Aufgabe des Westens, sein Ökonomie radikal umzukrempeln, gerade um der restlichen Welt zu signalisieren, dass man mit gutem Beispiel vorangeht und auch später Hilfestellungen gibt, wie man beispielsweise die Müllentsorgung besser in den Griff bekommt. Doch davon können wir wohl zurzeit noch träumen - solange pöbelnde Ex-Kanzler immer noch ungestraft Interviews geben können,  werden ich wohl davon ausgehen müssen, dass meine Wünsche noch eine Weile brauchen, bis sie Realität werden. 

Donnerstag, 31. Januar 2019

1. Präambel


Ich sitze am Flughafen Heathrow und darf nicht rauchen. Während man am Berliner Großflughafen auch acht Jahre nach geplanter Eröffnung immer noch Probleme mit Brandschutz und Rauchabzug hat ist man hier in London modern und hat den kompletten Flughafen zum Nichtraucherhaushalt erklärt. Nachdem mein Flieger aus Berlin pünktlich gelandet ist gilt es nun, die dreistündige Wartezeit sinnvoll zu nutzen (zumal Rauchen ja wie bereits erwähnt ausfallen muss). Kurz darauf sitze ich in einem Flieger der British Airways in Richtung New York und bekomme etwas serviert, was sich zwar Mac&Cheese nennt, auch wenn der Hauptbestandteil Broccoli ist (ein Detail, was der freundliche Stewart freundlicherweise ausgelassen hat). Ich sitze neben einem sehr netten Engländer, mit dem ich mich anfangs noch angeregt über den bevorstehenden Brexit unterhalte, auch wenn er, wie ich später herausfinde, keinerlei Probleme hat in geschlossenen Räumen still und heimlich vor sich hin zu furzen. Die Mac&Cheese werden davon leider auch nicht leckerer und ich lenke mich mit dem Entertainmentsystem erfolglos ab. Von New York geht es dann weiter Richtung Lima, dem eigentlichen Ziel der Reise.
Dem Leser drängen sich spätestens an dieser Stelle mehrere Fragen auf:
  1. Was macht der da denn in Lima?
  2. Warum wird ein Blog, der vier lange Jahre lang tot war auf einmal wieder aufgenommen?
  3. Warum erzählt er uns anfangs von furzenden Engländern? 
Und natürlich die Fragen aller Fragen: wieso lese ich das hier eigentlich? Ich muss schließlich für die Klauuren lernen und das hier ist sicherlich nicht klausurrelevant.

Wer Zeit und Lust hat, kann sich gerne die letzten 31 Artikel anschauen, die zwischen 2014 und 2015 hier veröffentlicht wurden, aber diese Kurzfassung hier tut es sicherlich auch. Zwischen September 2014 und März 2015 war ich mit einem Freund und meiner damaligen Freundin für 6 Monate in der Welt, genauer in Zentral- und Südamerika unterwegs. Wir erlebten Unglaubliches, sahen Faszinierendes und aßen Unverdauliches. Nun, fast vier Jahre nach meiner Rückkehr nach Deutschland treibt es mich wieder in die Welt hinaus, die Finanzlage lässt er zurzeit zu und die etwas früher angesetzten Semesterferien (will heißen: ich habe sie für mich früher angesetzt) werden mir zwar im nächsten Semester ordentlich Stress bescheren, aber sei’s drum. Endlich wieder reisen, frei sein, tun und lassen worauf ich Lust habe! Meine Vorfreude ist gewaltig und verbreitet sich schneller im Flugzeug als alle Fürze des Engländers neben mir zusammen. Und wenn ich im JFK Airport noch einen Ort zum Rauchen finde, ist alles in Butter.


Die nächsten Wochen werde ich hier unregelmäßig aus jeder Zwischenstation bloggen und versuchen, meine Reiseerlebnisse lustig darzustellen. Das Format wird dabei im Gegensatz zum letzen Mal ein wenig aufgebrochen: anstatt jede Zwischenstation kleinteilig aufzudröseln, blogge ich jetzt einfach immer nach Lust und Laune, so wie die Gedanken und Wörter gerade kommen.  Es wird Fotos geben (wenn mir nicht wie beim letzten Mal das Handy unterwegs kaputt geht), Eindrücke von Land und Menschen und vielleicht sogar hin und wieder Kostproben meines grauenvollen Spanischs. Seid gespannt. Ich bin es auf jeden Fall! Oder wie mein damalige Reisegefährte Nikolaus es so schön ausdrückte: es ist wieder bloggige Blogzeit!

Sonntag, 29. März 2015

31. und letzte Etappe - Bogotá


Lebewohl, kleine Gitarre. Schon die Dame beim Check-In machte mich freundlich darauf aufmerksam, dass Gitarren nicht mit reingenommen werden dürfen. Trotz meiner Aussage, Gitarrist zu sein und bei Rammstein zu spielen, bleibt sie hartnäckig, lässt mich aber zumindest zur Gepäckkontrolle vor und ich bete, dass der Dame beim Gate die Gitarre egal ist und Rammstein kennt.
Aber leider hier auch nichts, sie spricht in schnellem Spanisch auf mich ein, lässt sich nicht von meinem Geflehe beeinflussen. Ich wiederhole nochmal, auf schlechtem Spanisch, bei Rammstein Gitarre zu spielen, woraufhin sie mich mit großen Augen anguckt. Rammstein kennt hier einfach jeder. Sie wird kleinlaut und entschuldigt sich, so seien nunmal die Vorschriften und pipapo, woraufhin ich sie leichthin frage, ob sie einen großen Mülleimer bereitsstehen hat. Davon ist sie wiederrum völlig perplex und kann es nicht fassen, als ich ihr wortlos die Gitarre in die Hand drücke und vorbeigehe. Zu einer wirklichen Diskussion bin ich leider nicht fähig, da mein Spanisch dafür viel zu schlecht ist und hier am kleinen Provinzflughafen von Pereira Keiner Englisch spricht. Es heißt zwar offiziel "Internation Airport", aber das ist leicht übertrieben, da der einzige internationale Flug nach Panama-City geht. Aber es nimmt ein gutes Ende, kurz bevor zum Boarding aufgerufen wird, kommt die Dame zu mir und gibt mir unter dem Hinweis, ihren Namen bei eventuellen Nachfragen nicht zu nennen, die Gitarre in die Hand. Als ich ihr wenige Minuten später mein Ticket gebe, drücke ich ihr noch ein eilig hingekritzeltes Autogramm in die Hand um meinen Rockstar-Ruf gerecht zu werden und sie wird fürchterlich verlegen. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass ich Rammstein nicht mal sonderlich mag (abgesehen von den Texten).
Home sweet home
Der Flug ist relativ kurz, der Start dauert etwa zwanzig Minuten und ich packe den Laptop aus, um etwas weiter zu schreiben, doch nach zehn Minuten ist der Spaß wieder vorbei, da der Landeanflug beginnt und um die Flugzeit auf eine knappe Stunde abzurunden, dreht die Maschine noch ein paar Ehrenrunden über Bogota, bis sie sicher auf dem Flugfeld aufsetzt. Es ist ein witziges Gefühl, über zwei Monate nach meiner ersten Ankunft in Bogota, wieder hier zu sein und frohen Mutes gehe ich zum Taxistand. Andrea hatte mir geschrieben, dass ihre Wohnung nicht sehr weit weg ist und die Taxis ziemlich günstig sein sollten. Der erste Preis, der mir aber angeboten wird liegt bei 30.000, soviel habe ich in etwa auch gezahlt, als wir ins Zentrum gefahren sind und ich lege mit dem Verhandeln los. Jetzt wo Emilia und damit die spanisch begabteste von uns weg ist, liegt es nur an mir, mich irgendwie die letzten Tage durch dieses Land zu schlagen und ich handel das Taxi erfolgreich auf 22.000COP herunter (was, wie mir nachher erzählt wird, immer noch viel zu viel ist). Der Taxifahrer ist nun gezwungenermaßen sehr freundlich zu mir, da er ein bisschen Englisch kann, wird die Konversation noch einfacherer, da ich ihn nach spanischen Wörtern fragen kann, die mir fehlen. Wir kommen an einer wohl gepflegten Wohnanlage, mit Sicherheitszaun und eigenem Wachmann an, der mir die magnetisch verschlossene Tür öffnet. Andrea sei gerade außer Haus, ich kann hier aber einfach warten. Ich wechsel ein paar Sätze mit dem jungen Security Typen und staune über mich selber, wieviel ich doch sprechen und verstehen kann. Nach einiger Zeit kommt Andrea wieder zurück, mit in der WG wohnt noch ihre jüngere Schwester Marcel und Javier, auch wenn die beiden zurzeit tierischen Stress zusammen haben. Javier spricht gutes Englisch, Andrea nicht so wirklich und Marcela praktisch gar nicht. Aufgrund dieser Tatsache einigen wir uns, in der Wohnung hauptsächlich Spanisch zu reden und nur im Notfall auf Englisch zurückzugreifen. Trotz meiner Sprachbarriere läuft das ganze ziemlich gut und schon bald bin ich zumindest fähig, mit Marcela, die Philosphie studiert, über die Frankfurter Schule bzw. Scola de Frankfurt zu diskutieren. Nagut, ich höre meistens zu und versuche irgendwie mitzuhalten. Nach der langen Reise bin ich relativ müde und falle bald ins Bett.
Plaza Bolivar
Musicology
Am nächsten Morgen, nach einem kurzen Frühstück, radel ich mit Andrea zu ihrer Uni in der Innenstadt. Es ist weiterhin relativ kühl hier in Bogota, aber ich freue mich enorm, wieder hier zu sein. Nach zwei monatiger Abstinenz fühlt es sich ein bisschen wie zuhause an. Ich laufe durch die Candelaria, das Viertel, dass einen Monat lang mein Zuhause war und besuche das Musicology. Sami, die Managerin, freut sich sehr mich zu sehen, lädt mich ein, hier gerne zu bleiben und ich frage sie einfach mal ins Blaue hinein, ob sie Arbeit für ein paar Tage hätte. Sie überlegt und will mir eigentlich eine Mail schreiben, aber auf diese Warte ich bis heute. Ich verbringe einen schönen Nachmittag in der Hostelbar, quatsche mit ein paar Leuten und fahre dann am Abend mit Andrea zurück nach Hause. Bei allen WG-Bewohnern stehen gerade die Prüfungen auf der Agenda, deshalb haben sie nicht viel Zeit und auch keine Kraft mehr, am Abend was zu unternehmen. Glücklicherweise sind sowohl Andrea als auch Marcela große Horrorfilmfans, genau wie ich und wir ziehen uns einen unterhaltsamen Streifen rein.
Den nächsten Tag mache ich mehr oder weniger blau, koche für die abwesende WG ein leckeres Essen, spiele ein bisschen auf der geliebten Gitarre, höre mir die neue Muse-Single an und gehe noch am Abend mit Marcela und Andrea was essen. Der Freitag naht, mein letzter Abend in Bogota und etwas ohne mich mit den anderen vernünftig abzusprechen ziehe ich für den letzten Abend ins Musicology um. In meiner letzten Nacht will ich lieber ein paar Leute um mich rum haben, als in der vollbeschäftigten WG zu sitzen. Als ich ankomme, ist das Hostel aber leider komplett ausgebucht. Sami gewährt mir aber für sehr wenig Geld einen Platz auf dem Sofa im Fernsehraum und ich stelle meine Sachen ab. Und wie es das Schicksal will, treffe ich im Hostel ein paar Berliner, die nur ein paar Straßen von mir weiter wohnen. Wir verstehen uns prima, die drei sind ein ziemlich verrückter Haufen und, zu meiner großen Überraschung läuft mir auch noch Rob, ein Engländer wieder über den Weg, mit dem ich hier schon im Januar eine lustige Zeit hatte. Wir planen durch, was wir am Abend machen wollen. Einige wollen ins "Baum", gegründet von einem alten Berliner DJ, doch auf Techno hab ich noch nie so gestanden und der Eintrittspreis von 50.000COP ist mir sowieso viel zu hoch. Überraschend taucht Andrea mit Marcela auf und fragt mich, ob ich nicht heute Abend mit ihnen feiern wolle. Sie kennen einen ganz coolen Club etwas weiter in der Innenstadt, das Theatron, der zumindest mit der Tatsache wirbt, dass er über 10 Floors hat und man mit dem Eintrittspreis von 30.000COP im ganzen Club Freigetränke bekommt. Das klingt verlockend und einem quasi verordneten Besäufnis und ich sage selbstverständlich zu. Ohne mich auch nur annährend schick zu machen, nach Berliner Art eben, fahre ich mit dem Taxi vor. Eine halbe Stunde warte ich in der Kälte und verfluche die kolumbianische Unpünktlichkeit. Ich bin etwas angesäuert, als die beiden, für meine Augen schon ziemlich aufgetakelt, ankommen und wir stürzen uns ins wilde Nachtleben, in welchem ich erneut feststelle, dass die beiden überhaupt nicht aufgetakelt sind. Hier gelten andere Maßstäbe.
Theatron
Der Abend wird fantastisch, wir tanzen die ganze Nacht, ich wage ein paar vorsichtige Salsa-Schritte und singe zum krönenden Abschluss "Hey You" von Pink Floyd Karaoke. Als erster Preis winken 100.000 COP, aber es gilt die alte Regel Sex Sells. Eine junge Dame zieht eine einzige Shakira-Cover Show ab, mit Arsch-wackeln und dem ganzen Programm. Allerdings ist sie potthässlich, auch nach einigen Drinks und etwas neidisch beobachte ich aus sicherer Entfernung vor den anderen, völlig betrunkenen Feierwütigen, wie sich die Dame mit fürchterlich inszenierten Lächeln und Kussmund ihr Preisgeld abholt. Die Party wandelt sich zum Schluss in eine große Schwulen Party, als die paar Schwulen-Floors über die Ufer treten und in den ganzen Club ausschwärmen und ich habe eine liebe Mühe damit, mich irgendwie heterosexuell zu verhalten.
Aufgrund von Faulheit und vermutlich auch zuviel Alkohol schließe ich mich Andrea und Marcela später in ihrer Taxifahrt nach Hause an, zahle die 10.000COP für meinen gemütlichen Sofa-Platz also völlig umsonst, habe dafür aber wieder ein eigenes Bett und falle ziemlich prompt in tiefen Schlaf.

Als ich die Augen öffne, ist die WG mal wieder verlassen. Wer feiern kann, kann auch Samstag zu Vorlesungen gehen und ich sammel meine sieben Sinne langsam wieder zusammen. Zum Glück haben wir uns alle in der gestrigen Nacht mehrmals und unnötig emotional voneinander verabschiedet, für den Fall, dass wir uns am morgen nicht mehr sehen und im Nachhinein war das gar keine dumme Idee.
Ich fahre mit dem Bus zurück in die Innenstadt zu meinem Hostel. Die drei Deutschen scheinen auch eine gute Nacht gehabt zu haben, genauso wie Rob, eigentlich wie ziemlich jeder andere in dem Hostel. Es herrscht überall eine kräftige Katerstimmung und passt damit super zu meine Gemütslage. Ein letztes Mal gehe ich einkaufen und koche mir in der Hostelküche ein einsames Mittagessen. Bordkarte ist ausgedruckt, der Flieger ist diesmal auch nicht spontan umgebucht worden und es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Nun ist es wohl soweit, Lebewohl zu sagen. Ich umarme meine Hostelkollegen, knuddel den kleinen, witzigen Kater und schulter meinen Rucksack. Ein Taxi wäre mir zu teuer und auch nicht nah genug dran am Leben, also nehme ich den etwas umständlicheren, aber auch schöneren Weg mit den Bussen und eh ich mich versehe, stehe ich im Flughafen. Mein Flug geht über Madrid, wo ich noch fünf Stunden Aufenthalt hab und wie durch ein Wunder ist mir erst vor einigen Stunden aufgefallen, dass eine Freundin von mir dort gerade ein Auslandsjahr macht, mit der ich mich noch in Madrid treffen werde. Zufälle gibt's halt.
Es wird für mich nochmal spannend, nicht nur wegen der Gitarre, sondern auch wegen einer Ausreisesteuer, die wohl 25$ beträgt, aber in einigen Flugtickets schon enthalten ist. Iberia ist nicht die allerbeste Airline, aber zu meiner großen Überraschung muss ich nichts mehr draufzahlen. Die Gitarre wird nicht weiter beachtet, als ich mein Gepäck aufgebe und eine Menge Anspannung löst sich. Ich hab noch genug Geld, um mir eine große Flasche Aguadiente und kolumbianische Zigaretten zu kaufen. Jauchzet, frohlocket.
Plaza Las Aguas
Doch schon nach dem Check In habe ich ihn wieder, diesen ekligen, riesigen Kloß in meinem Hals. Nicht heulen, denke ich mir. Das wär super peinlich, hier am Flughafen und dann noch alleine. Ich reiße mich lange zusammen, stelle mich in die Schlange zur Gepäckkontrolle und bringe sogar ein gequältes Schauspieler-Lächeln zustande. Dann die Ausreisekontrolle. Der Beamte schaut lange meinen Pass an und stempelt ihn mit einer grausamen Brutalität, woraufhin bei mir alle Dämme brechen. Heulend nehme ich meinen Pass entgegen, stammel ein paar Entschuldigungsfloskeln und setze mich in die Wartehalle, wo ich aber feststelle, nicht der einzige zu sein, der gerade kurz peinlich ist. Eine Menge Leuten heulen hier, manche auf Spanisch, manche auf Portugiesisch, sogar ein paar auf Deutsch und ich fühle mich nicht mehr ganz so bescheuert.
Und dennoch. Hier endet es nun also. Alles. Ein halbes Jahr voller Spaß und Abenteuer, witziger Menschen, wunderschöner Natur, vielen tollen Geschichten und einzigartigen Momenten. Die USA, Mexiko, Kuba, Kolumbien. In sechs Monaten.
Es wird zum Boarding aufgerufen und die kleine Gitarre kommt unbehelligt an Bord.
Die Maschine rollt auf die Startbahn. Die Triebwerke zünden.
Wir heben ab und ich war dann mal weg.

Ende


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Liebe Verwandte, Freunde, Bekannte, Unbekannte, kurz: liebe Blogleser,

es hat mir sehr viel Spaß gemacht über das letzte halbe Jahr diesen Blog zu führen und ich war immer wieder überrascht und auch ein bisschen stolz, wie viele sich meine spaßigen Abenteuer durchgelesen haben.
Danke an Nikolaus und Emilia für ihre Gastbeiträge und alleine dafür, dass es sie gibt. Ohne die beiden wären die Reise in dieser Form nicht möglich gewesen.

Der Blog wird in Kürze von Nikolaus mit seinen weiteren Geschichten aus Venezuela weitergeführt. Es ist also noch nicht das Ende.
Danke an alle Leser fürs Teilen, für Werbung machen und die viele Zeit, die ihr mit dem Lesen geopfert habt.
Bis bald

Paul

Dienstag, 24. März 2015

30. Etappe - Salento

Ein klappriger Bus setzt uns im kleinen Salento ab. Das Wetter ist mittelmäßig, als wir uns in einen Jeep quetschen und uns zum Eco-Hostel "La Serrana" fahren lassen. Wieder sind wir in einer wunderschönen Naturoase ähnlich wie in St. Rosa gelandet, mit runden, hellgrünen Hügeln und vielen, vielen Kaffeeplantagen. Die fahrt ist sehr kurz und schon stehen wir vom Eingang eines großen, hübschen Grundstücks. Der Rezeptionist versteht, obwohl er gutes Englisch spricht, unsere Bitte nach einem Hängemattenplatz einfach nicht und ich lasse mich auf eine relativ langwierige Diskussion ein, warum ich lieber in einer Hängematte als im Zelt schlafe. Nach einer Weile willigt er, immer noch völlig verständnislos ein und Emilia und ich hängen unsere Hängematten unterm dem Vordach eines kleinen Gebäudes auf, während es sich Nikolaus im Zelt gemütlich macht. 
La Serrana
Auch wenn "La Serrana" stolz den Namen Öko-Hostel trägt, hat es damit nicht viel zu tun, besonders nicht nach unseren Erfahrungen in Amagá. Es gibt fließend warmes Wasser, das Licht kommt aus der normalen Leitung und wird in einigen Stellen des Hostels die ganze Nacht angelassen, wie Emilia und Ich in der Nacht bemerken, als ich mir mit dem Nachtportier ein Katz- und Mausspiel liefere, da ich konsequent das Licht unter dem Vordach ausmachen will und er es immer wieder stumm anschaltet. Auch gefällt uns das allgemeine Erscheinunsgbild nicht sonderlich, die Angestellten tragen alle Uniformen und die Atmosphäre erinnert einen eher an ein Hotel. Und wirklich günstig sind 15.000COP für eine Hängematte auch nicht. Beim Rumstöbern durch die kleine Stadt fragen wir bei allen anderen Hostels nach, ob sie uns günstig Hängemattenplätze anbieten und das Hostel "La Estrella Agua" kriegt schließlich den Zuschlag. Wir packen unsere Sachen im Öko-Hostel zusammen und machen, bevor wir wechseln, eine der berühmten Kaffee-Farm Touren. Eine knappe Stunde laufen wir durch die schönen Hügel, nicht ohne davor in zwei Deutsche hineinzurennen, mit denen wir endlich das berühmte "Techo" spielen, eine art kolumbianisches Kegeln. Aus einigen Metern Entfernung wirft man eine kleine, aber schwere Metallplatte in ein Lehmfeld, wo man vorher kleine Sprengstoffplättchen gelegt hat. Das Spiel ist relativ anstrengend und auch irgendwie hohl, zumal wir es nicht wirklich intensiv genug spielen, nicht die unterschiedlichen Punkte zählen, uns dafür aber umsomehr freuen, als eine der Metallplatten endlich sein Ziel erreicht und mit einem lauten, befriedigenden Knall explodiert. Nach einigen weiteren Fehlversuchen machen wir uns wieder auf, auch wenn das Spiel lustig ist, geht es doch tierisch auf die Armmuskulatur. Wir verabschieden uns von unseren beiden neuen besten Freundinnen und laufen weiter Richtung Kaffeefarm. 
Die Farm von Don Pedro ist vergleichsweise klein. Als wir ankommen, wartet eine junge Halb-Amerikaner-Halb Kolumbianerin auf uns, mit ihr ein älterer Herr aus England sowie zwei Norweger und ein Holländer. Die Halbkolumbianerin leitet die Tour, sie macht das ganze aber mehr als offensichtlich nichts zum ersten Mal und man hat leicht das Gefühl, dass ihr das ganze absolut zum Hals raushängt. 
Don Pedro bei der Ernte
Selbst wer sich nicht für Kaffee interessiert bzw. ihn nicht selber gerne trinkt, sollte bei sowas mal mitgemacht haben. Alleine schon die Kaffeebohne im unbehandelten, also sowohl ungerösteten als auch ungetrockneten Zustand zu sehen, ist beeindruckend, hat man da doch nur ein weißes, unförmiges Etwas in der Hand, was mit einer glibberigen, süßlich schmeckenden Schicht überzogen ist. Die Bohnen werden nach der Ernte (die zweimal im Jahr erfolgt) erstmal lange gewaschen, dann lange getrocknet und anschließend, je nach Geschmack, geröstet. Die Farm stellt komplett auf biologischer Basis her, nutzt eine Form der Mischwirtschaft, um den Kaffeepflanzen die besten Anbaumöglichkeiten zu geben. Z.b. darf die Kaffeepflanze weder direkt im Schatten noch direkt in der Sonne stehen, das überlebt sie beides nicht. Also werden ab und zu Mandarinenbäume gepflanzt, die ihr lebensnotwendigen Halbschatten spenden.
Außerdem pflanzen sie Bananen an, da diese in ihren Wurzeln enorm Wasser anziehen und somit den Boden bepflanzbarer machen. Auch die Robustheit der Kaffeepflanze beeindruckt uns, kann sie doch so ziemlich jede Witterung überstehen, auch Schädlingen geht sie geschickt aus dem Weg, in dem sie ohne zu Zögern ihr befallenes Blatt absterben und synchron dazu neue wachsen lässt. Natürlich genießen wir danach einen frisch gebrauten Kaffee und ich verliebe mich in einen kleinen Pitbull Welpen, was der Vater, der nebenan an einer offensichtlich notwendigen Eisenkette angeschlossen ist, gar nicht gutheißt. 
Das Estrella del Agua
Zurück im Serrana packen wir wieder unsere Sachen und ziehen weiter zum Estrella de agua, ein kleines, familiengeführtes Hostel mit viel Freifläche, wo wir unsere Hängematten unter einem Holzgerüst unterstellen können. Und obwohl wir immer noch ein paar Tage Zeit haben, stellen wir uns bereits innerlich auf den Abschied ein. Die meisten Städte der umliegenden Regionen lohnen wohl nicht sonderlich und still im Innern weiß jeder von uns, dass wir, bei unserer Trägheit, hier vermutlich die nächste Zeit komplett bleiben werden. Am elften März geht mein Flug von Pereira nach Bogotá, wo ich noch ein paar Tage verbringe, bis es weiter nach Berlin geht. 
Da ich gerne wieder couchsurfen will, suche ich mir für ab dem neunten März einen Couchsurfer in Pereira, auch wenn mir alle von der Stadt an sich abgeraten haben. Einer der Couchsurfer sagt in Sekundenschnelle zu und ich rechne mit zwei lustigen Tagen voller Studentenpartys und anderem. 
Und wir feiern ein lustiges Wiedersehen: an unserem zweiten Tag im Estrella Agua kommt Katja wieder und wir verbringen einen lustigen Freitagabend auf dem Rathausplatz, mit viel Live Musik, viel Alkohol und haufenweise lustigen Leuten. Das Erwachen am nächsten Morgen ist für mich in zweierlei Hinsicht grausam. 1. habe ich einen schlimmen Kater, zweitens finde ich mein Portmonnaie nicht mehr. Naiv und gutmütig habe ich das Ding am Abend zuvor seit langem wieder in der Gesäßtasche getragen, was ich mir in Kolumbien eigentlich längst abgewöhnt hatte. Den ganzen Morgen lang hetze ich durch die Gegend, frage die Mitarbeiter, ob sie ein Portmonnaie rumliegen gesehen haben, krame alle Taschen durch und stelle mich innerlich bereits darauf ein, dass es mir wohl geklaut worden ist. Ein halbes Jahr in den USA, Mexiko, Kuba und Kolumbien, ohne dass ich irgendwie beklaut worden wäre und nun jetzt, ein paar Tage vor der Rückkehr. Ich kriege einen kleinen Wutanfall und finde das verfluchte Ding schließlich unter meinem Schlafsack in der Hängematte, woraufhin ich anstandslos zu Boden gehe und dem Himmel danke. 
Salento hat als Stadt nicht viel zu bieten, es ist mehr das allgemein Stadtgefühl, dass einen hier länger bleiben lässt. Emilia knickt sich ziemlich unangenehm den Fuß um, weshalb große Wanderaktivitäten für uns erstmal ausfallen, Nikolaus und ich wollen trotzdem noch das Valle de Coco anschauen, ein großes Tal, wo die höchsten Palmen der Welt wachsen. Aber wir warten lange, können uns nicht aufraffen und am letztmöglichen Tag verpassen wir beide Shuttlebusse dahin und so verbringen wir viele, viele Tage in unserem schönen Hostel, haben Spaß mit den anderen Gästen und kochen uns leckeres Essen. Ich mache noch einen Ausflug nach Armenia zur Western Union Filiale, betrachte die potthässliche Stadt und versuche meinen Bordpass für den anstehenden Flug auszudrucken. VivaColombia, eine direkte Ryanair Tochter, bietet so billige Flüge an, dass ich nach einem halben Jahr Busfahren schwach geworden bin und den kurzen 50-minütigen Flug den 8 Stunden Busfahren vorziehe, zumal es gerade mal ein paar Euro mehr kostet. Beim Online Check In stelle ich aber fest, dass mein ursprünglich für den 11ten März gebuchtes Ticket für den 10. gebucht wurde. Eine ziemlich böse Mail an den Kundenservice wird mit einer lapidaren "Tut uns Leid, geht's nicht auch so?"-Antwort abgetan. Zum Glück habe ich schon ein paar Tage zuvor nachgeguckt, sonst hätte ich unter Umständen am Abend des 10. ein böses Erwachen gehabt. Um die Flut schlechter Nachrichten perfekt zu machen, sagt mir mein Couchsurfer spontan ab, da seine Schwester krank geworden ist. Ich bleibe also noch einen Tag länger und ich verabschiede mich innerlich bereits von Kolumbien, als Nikolaus, Emilia, Katja und Ich in eine wilde Partie "Arschloch" versinken und dazu das berühmte "Aguadiente" trinken, ein Anis-Schnaps, der ein bisschen aber nicht wirklich nach Ouzo schmeckt. 

Dann ist er da, der Tag der Abreise. Nikolaus will sich von Pereira aus in den Bus Richtung Venezuela setzen, Emilia fährt nach Medellin, von wo sie in ein paar Tagen weiter zu ihrer Mutter nach New York fliegt. Wir erreichen den Busbahnhof, trinken einen gemeinsamen letzten Kaffee zusammen und verabschieden uns voneinander. Nicht tränenreich, aber dennoch mit einem merkwürdigen flauen Gefühl im Magen. Fünf Monate mit den Beiden und nun soll alles vorbei sein? In Bogota bin ich glücklicherweise nicht auf Hostels angewiesen. Andrea, eine Kollegin von mir aus dem Musicology hat meine Anfrage, ob ich bei ihr wohnen kann, angenommen und ich freue mich schon auf ein paar lustige Tage in ihrer Studenten-WG.
Ein lokaler Bus zuckelt gemächlich Richtung Flughafen. Ich bin mal wieder nicht sonderlich gut vorbereitet, habe zwar alle Unterlagen dabei, aber bin mit etwas zuviel Gepäck angereist, als eigentlich erlaubt. Mein Handgepäck, mein Rucksack, der auch beim Check-In angegeben und schon bezahlt wurde, aber Nikolaus hat mich gebeten, die Gitarre mitzunehmen und wenn möglich, mit nach Deutschland zu begleiten. Da ich weiß, wie manche Airlines ticken (bspw. RyanAir) haben wir bereits abgemacht, dass falls die Gitarre wirklich nicht mitfliegen darf, ich sie halt im nächstgrößten Mülleimer entsorgen muss. Wäre schade drum, ist aber so. Nikolaus und Ich haben vor der Weiterreise noch unsere Rucksäcke getauscht, er hat jetzt meinen schicken, guten und ich seinen kleinen, blöden. Alles hat irgendwie reingepasst, das Zelt haben wir noch dilettantisch an den Rucksack angebunden. Und zur Not werde ich einen Trick anwenden, den uns unser Freund Chase aus Austin verraten hat. Er wollte auch einmal seine Gitarre mit ins Handgepäck nehmen die Dame am Schalter hatte Probleme damit. Er hat ihr daraufhin erzählt, dass er Gitarrist bei The Offspring sei und es für ihn sehr wichtig ist, seine Gitarre immer dabei zu haben. Die Dame war völlig hin und weg und hat sich noch schnell ein Autogramm geholt und alles war gut. Mit schwitzigen Händen näher ich mich dem Check-In Schalter am winzigen Flughafen Pereiras und hoffe auf das Beste.

Paul

Einfach das schönste Land der Welt




Mittwoch, 11. März 2015

29. Etappe - Manizales/St. Rosa

Es ist bereits dunkel, als wir die Stadt erreichen. Im Internet hatte ich davor noch einen Campingplatz ausfindig gemacht und mir die Adresse aufgeschrieben. Emilia hatte in ihrem Lonely Planet (den sie vorher in Medellin heimlich mitgenommen hat) ein paar Hostelempfehlungen gefunden, diese sind aber relativ teuer und außerdem ziehen wir inzwischen Hängematten und im Freien Schlafen deutlich einem langweiligen Bett vor. Wir zeigen einem der Taxifahrer die Adresse, er kratz sich verwundert am Kopf und befragt insgesamt fünf weitere Taxifahrer, ob sie wissen, wo das ist, bzw. ob dort wirklich ein Camping Hostel mit dem Namen "Base Camp" zu finden ist. Dem Fünften ist die Frage relativ egal und er fährt uns kompromisslos zur Adresse, bloß dass dort nichts ist, was irgendwie an einen Campingplatz erinnert. Tripadvisor kann man einfach nicht trauen.
Manizales
Notgedrungen lassen wir uns zum Mountain Hostel fahren, das mit 20.000COP über unserem Budget liegt. Eigentlich ist es ganz hübsch und es hätte ein lustiger Aufenthalt werden können, aber bis auf eine junge Französin ist es komplett leer. Wir nutzen die grenzenlose Freiheit, pesten das Wohnhaus, das separat von der Rezeption gelegen ist, mit den Gerüchen aus der Küche ein und schauen, heimlich im Aufenthaltsraum rauchend, den Tarantino-Schinken "From Dusk Till Dawn" an, den sowohl ich als auch Emilia noch nicht gesehen haben. Emilia kann nichts wirklich damit anfangen, ich finde ihn großartig, kann aber nun auch verstehen, warum Tarantino diesen zweifelhaften Ruf hat.
Da das Hostel für uns zu teuer ist, suchen wir im Internet nach günstigeren Unterkünften in der Umgebung von Manizales. Die Stadt hat, abgesehen von seiner Studentenszene und dementsprechend vielen Partys, nicht viel zu bieten, zumal bei unserm knappen Geld sowieso nicht an groß Party machen zu denken ist. Was sich aber wirklich lohnt, ist das Umland, auch als Kaffeeregion bezeichnet, da hier der meiste Kaffee Kolumbiens angebaut wird. Wir finden einige Attraktionen im Umland, unter anderem die Therme St. Vincente, unweit der Stadt Sta. Rosa sowie die kleine Stadt Salento, die vielleicht touristischste Kleinstadt Kolumbiens.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf, nehmen einen kleinen, klapprigen Lokalbus in das schmucklose Sta. Rosa. Wir haben im Internet einen kleinen Hängemattenplatz unweit der Thermen gefunden, bis der Bus abfährt dauert es aber noch ein bisschen, da wir zu geizig für das Taxi sind. Während wir also am Kirchenplatz vor uns hin warten, spricht uns unvermittelt ein relativ junger Mann auf Spanisch an. Emilias Spanisch ist inzwischen so gut geworden, dass sie eigentlich fast alles versteht und fehlerfrei antworten kann, Nikolaus und mein Spanisch ist zumindest soweit gereift, dass wir das Gröbste verstehen und in völliger Missachtung von Deklination, Konjugation und sonstiger Grammatik antworten können. Auch wenn unsere Sprechkünste wirklich dramatisch schlicht und vermutlich in vielen Punkten völlig falsch sind, werden wir immer verstanden.
Jedenfalls bietet uns der Typ an, in seinem Haus zu wohnen, er hat eine kleine Bleibe außerhalb der Stadt, in einer sogenannten Finca, ein Landhaus. Man kann von dort mit einem Bus zu den Thermen fahren, allerdings nicht ganz nah dran, man müsste noch eine Stunde hinlaufen. Er will nicht viel Geld, also sagen wir ihm zu und fahren gemeinsam in einem Jeep zu seinem Haus.
Hauptplatz von St. Rosa
Dieses steht völlig abgeschieden in der Natur, umgeben von Wiesen, Wäldern und Kaffeeplantagen. Er führt uns durch die anliegenden Felder, wir ernten ein paar Mandarinen, die extrem lecker schmecken, er zeigt uns, welche Farbe die Kaffeebohnen haben müssen, bis man sie ernten kann und, nach dem Abendessen, holt er seine Gitarre raus, drück uns allen irgendwelche Bongos in die Hand und es wird wild drauflos gejammt. Er selber ist Musiker, reißt durch die Gegend und macht auf der Straße Musik, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man kann ihn wohl am ehesten als Hippie beschreiben, nur dass seine Songs vorwiegend um Jesus gehen. Wir erleben einen unglaublich intensiven Abend, saugen uns mit unserem wenigen Spanisch ein paar Geschichten aus den Fingern und hören ihm gespannt zu. Da wir schon um fünf Uhr morgens aufstehen müssen, um den Bus zu den Thermen zu bekommen, gehen wir verhältnismäßig früh in die Betten - Entschuldigung - in unsere Hängematten und lauschen dem fernen Gewitter zum Einschlafen.
Der Mann weckt uns wie vereinbart um kurz nach Fünf und während wir verschlafen zur Hauptstraße wandern, schiebt sich langsam die Sonne über die hellgrünen Felder. Die Natur ist wirklich wunderschön, die Hügel sind ungewöhnlich rund geformt und das Grün des Grases ist so hell, wie ich es noch nicht gesehen habe.
Termales San Vincente
Neuseeland kann uns mal
Wir stellen uns an die Straße und warten. Unser Gastgeber ist noch mit uns mitgelaufen und winkt uns nach einiger Wartezeit einen Jeep heraus, der eigentlich völlig voll ist. Die Menschen stehen auf der Tragefläche, einige stehen hinten auf der Einstiegsrampe und halten sich irgendwie an den Gitterstäben des Fahrzeugs fest. Irgendwie quetschen wir uns noch dazwischen und erleben die wohl tollste Fahrt, die wir auf unserer ganzen Reise hatten. Eine gute halbe Stunde lang rauschen wir durch die Landschaft und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. An einem willkürlich wirkenden Punkt hört die Fahrt unvermittelt auf und wir laufen den Rest der Strecke. Die anderen Passagiere kriegen große Augen, als wir erzählen, dass wir den ganzen Weg bis zur Therme laufen wollen, dieser sei ziemlich weit, und wie wir merken haben sie damit recht. Fast zwei Stunden lang schleppen wir uns permanent bergauf, bis wir schließlich, über vier Stunden nach dem Aufstehen, an den Thermen ankommen. Da Emilia und Nikolaus kein Bargeld mehr haben, schockt uns der Eintritt von 30.000 COP ziemlich, zumal wir danach gar kein Geld mehr hätten und schließlich noch unsere Unterkunft irgendwie bezahlen müssen. Wir fragen nach, ob es nicht einen Studentenrabat gibt, bitten und betteln, bis dem Typen am Eingang einfällt, dass man nur die Hälfte zahlt, wenn man mit dem Fahrrad gekommen ist. Das sind wir zwar nicht, aber Laufen geht durch und für 15.000COP kriegen wir unsere Eintrittskarte in die berühmten Thermales St. Vincente. Berühmt sind sie vor allem wegen ihrer heißen Becken, die von Gasen unter der Erdoberfläche erwärmt werden. Warm trifft es allerdings nicht ganz, manchen Becken sind sogar richtig heiß und ab und zu tritt man auf ein paar Steine am Fußboden, die einem die Sohle verbrennen. Man kann sich nichts Schöneres wünschen, als nach mehreren Stunden wandern in einem heißen Bad zu sitzen und die müden Beine auszustrecken und nach einigen Stunden haben wir jedes Becken ausprobiert, in allen Saunen vor uns hin geschwitzt und allmählich sind wir bereit, wieder zurück zu fahren. Direkt nachdem wir uns umgezogen haben, entlädt sich ein gewaltiges Gewitter über uns, gefolgt von sinnflutartigem Regen. Wir fragen nach, ob es einen Bus gibt, mit dem man zurück nach St. Rosa fahren kann, da keiner von uns Lust hat, die ganze Strecke nochmal zurückzulaufen, erst recht nicht jetzt, wo es so stark regnet. Aber der Shuttlebus ist teuer und fährt auch erst in ein paar Stunden. Also fragen wir andere Gäste, ob sie uns in ihrem Auto mitnehmen könnten und schon nach ein paar Minuten haben wir unglaubliches Glück, als uns ein junges Pärchen aus Cali in ihrem schicken neuen Seat mitnimmt. Emilia fährt direkt zurück in die Stadt, Nikolaus und Ich springen bei unserem Musiker-Freund raus, bezahlen ihn und holen unsere Sachen ab. Mein Bargeld ist nun komplett alle und Emilia will eigentlich in der Stadt Geld abheben. Da sie ein Monatslimit hat, war ihr das davor nicht möglich, inzwischen ist der Februar aber dem März gewichen und es sollte wieder Geld zur Verfügung stehen. Eigentlich.
Hostel Coffe Town
Als wir Emilia am Kirchenplatz wiedertreffen, ist sie leicht verzweifelt. Sie hat alle Automaten dieser Stadt durchprobiert, keiner spuckt ihr Geld aus, obwohl sie noch Geld auf dem Konto hat. Nikolaus wartet immer noch auf Geld von seinen Verwandten und Ich habe auch bereits eine Mail an meine Eltern geschrieben und um etwas Notgeld gebeten. Nun stehe wir schön angeschmiert da, haben noch etwa 10.000 COP in der Tasche und wollten eigentlich direkt nach Salento weiter. Wir überlegen, warum Emilias Kreditkarte nicht funktioniert, vielleicht weil heute Sonntag ist. Wir warten, bis es sechs Uhr Abend ist, in Deutschland ist dann schon der Montag angebrochen und versuchen erneut Geld abzuheben. Wieder nichts. Wir schmeißen unser letztes Kleingeld zusammen, kaufen uns im Supermarkt ein billiges, sattmachendes Abendessen ein und suchen uns ein Hostel, wo wir netterweise für wenig Geld unsere Hängematten aufspannen können. Natürlich erzählen wir beim Einchecken nichts von unserem Bankrott und hoffen einfach, dass Emilias Karte morgens wieder funktioniert oder alternativ meine Eltern mir schnell noch Geld über WesternUnion schicken können.
Auch am nächsten Morgen funktioniert Emilias Kreditkarte immer noch nicht, sie ruft daraufhin über Skype die Commerzbank an und bittet um Auskunft. Der Dame ist Emilias Problem aber genauso egal wie uns der Winter in Deutschland und lässt ein paar nichtssagende Sprechblasen ab. Glücklicherweise schickt mir meine Mutter rechtzeitig Geld über Western Union und zur Feier des Tages kochen wir zum Abend ein leckeres Mango-Curry. Da es inzwischen aber schon zu spät ist, um noch nach Salento zu fahren, bleiben wir eine weitere Nacht im Hostel, knapp dem Hungertod entkommen und machen uns morgens auf, über Pereira nach Salento.

Paul


Montag, 9. März 2015

28. Etappe - Medellin

Dicke Katherale in Medellin
Wir erreichen gegen 9 Uhr morgens Medellin, auch als die Stadt des ewigen Frühlings bekannt, da die Temperaturen über das ganze Jahr hinweg selten unter 20 und fast nie über 30 klettern, angenehme Bedingungen also für Europäer. Die Stadt ist wegen zwei Dingen sehr berühmt. Pablo Escobar und seiner S-Bahn, die einzigartig in ganz Kolumbien ist. Eine Arbeitskollegin aus dem Musicology in Bogota hatte uns schon erzählt, dass Bogotarianer immer etwas abwertend auf Medellin schauen, versucht sich die Stadt doch immer so ekelhaft modern und weltoffen zu geben. Alle Städte Kolumbiens kommen prima mit ihrem Bussystem aus, nur Medellin fühlt sich besonders toll und baut sich eine teure S-Bahnstruktur, die, wie wir allerdings feststellen, extrem gut funktioniert, nicht teuer ist und einen schnell von A nach B bringt.
Von A, dem Busterminal, nehmen wir die Metro nach B, unserem Hostel, nahe der Station "Estadio". Als wir, müde von der langen Busfahrt, ankommen, ist das Hostel leider schon ausgebucht und wir werden zu einem weiteren geführt, nur einen Block weiter. Ein älterer Costa Ricaner öffnet uns die Tür, wir schlafen zu einem für die Großstadt angemessenen Preis im Schlafsaal und sind dazu noch in einem ziemlich angenehmen Stadtteil. Medellin hat nicht sonderlich viele Sehenswürdigkeiten, die Stadt ist vorwiegend deshalb so beliebt, da sie über ein tolles Stadtleben verfügt. Wir fahren mit der Hochbahn ins Zentrum, natürlich nicht ohne davor die sagenhafte Seilbahn zu nehmen, die sich einmal über die gesamte Stadt spannt, tolle Aussicht bietet und dazu als ganz normale Fahrt zählt, man also nicht extra zahlt und gleich eine ganze Stadtrunfahrt geschenkt bekommt.
In der Gondel spricht uns ein etwa 50-jähriger Kolumbianer an, sein Englisch ist ganz gut, deshalb können wir uns gut unterhalten. Ganz in kolumbianischer Manier geht er erstmal charmant und sehr direkt auf Emilia los, bezeichnet sie als "Jungfrau" und versteht nicht, warum sie mit einem so hässlichen, bärtigen Typen wie mir zusammen ist. All das sagt er aber so augenzwinkernd, dass man es ihm nicht böse nimmt, auch wenn Emilia nach einer Weile etwas genervt ist. Er zeigt uns noch einen guten Platz zum Essen und fährt deshalb ungefragt ein paar Stationen mit uns mit, wo er sich auch schon freundlich verabschiedet. Wir laufen also durch die belebte Innenstadt, in der angenehmen Wärme Medellins und schauen uns die wenigen Sehenswürdigkeiten an, den Plaza de Botero, benannt nach dem berühmten Maler, der all seine Motive immer extrem fett malt, ein, zwei Kirchen und das war's dann auch schon. Wir stehen erneut vor einem großen Museum und wollen uns eigentlich eine Fotoaustellung anschauen, aber der Preis ist mit 20.000 einfach zu hoch. Teure Bildung ist man als Deutscher nicht gewohnt.
Zum Nachmittag fahren wir zurück Richtung Hostel. Der Besitzer, ein extrem freundlicher Mann, erzählt uns, dass Sonntag wieder ein Fußballspiel im Stadion stattfindet, wofür er uns Karten besorgen kann. 30.000, etwa 14€ würde der Spaß kosten und ist es uns auf jeden Fall Wert, da man in Südamerika eigentlich zwangsläufig im Stadion gewesen sein muss. Wir sagen ihm zu und bekommen drei Tickets ausgehändigt, Indepediente Medellin gegen Equidad de Bogota. Medellin selbst hat mit Athletico National einen weiteren Fußballclub, etwa das Bayern München Kolumbiens, der bei den Fans von Indepediente aber dementsprechend unbeliebt ist, zumal er in den 80ern durch Pablo Escobars Drogengelder enorm aufgebläht wurde und seitdem den schlechten Ruf nie ganz losgeworden ist. Uns wird geraten, nichts weißes oder grünes zu tragen, da dies nicht nur die Farben der Gegnermannschaft, sondern auch von Athletico Nacional sind und uns vorwiegend in Rot-Blau zu kleiden. Erst vor ein paar Tagen hatten wir uns in Cartagena einen der gefürchteten 5000-COP Shops vorgenommen, wo man alles für 5000COP kaufen kann und aus einer sehr komischen Laune heraus habe ich mir ein herrlich schlecht gefälschtes Bayern-München Trikot gekauft, um es in Berlin auf irgendeiner Bad-Taste Party zu tragen. Nun bekommt es jedoch einen ganz neuen Wert und ich bin froh, den richtigen Riecher gehabt zu haben.
Auf geht's Indepediente!
Emilia will sich ein Nasenpiercing stechen lassen und ich mir eins ins Ohr, also suchen wir uns am nächsten Tag ein Studio. Die Preise in Kolumbien sind sehr niedrig und es ist mehr oder weniger die Gelegenheit. Auch wenn ich Piercings nie so wirklich mochte, finde ich es doch irgendwie notwendig, irgendwas mit mir zu machen, bevor ich nach Deutschland zurückgehe und so ein kleiner operativer Eingriff erscheint mir als genau angemessen.
Unser neuer bester Freund
Es ist allerdings wie verhext, alle Piercingstudios, die wir in der Stadt finden, sind entweder zu, der Piercingbeauftragte ist im Urlaub oder ihre Auswahl an Ringen ist nicht zufriedenstellend. Nach vielen Versuchen, in denen ich mich schon still über die abgenommene Entscheidung "Pro&Contra-Piercing" gefreut habe, finden wir noch eins und nach einigen erstaunlich schmerzhaften Sekunden baumelt eine kleine Erinnerung an meinem Ohr und Emilias Nase vor sich hin und zur Belohnung kaufen wir uns gegenseitig ein Eis.
Der nächste Tag beginnt und nach einem leckeren Frühstück laufen wir allmählich Richtung Stadion, was wir in nur wenigen Gehminuten erreichen. Keiner von uns war bis jetzt live bei einem Fußballspiel dabei, die Vorfreude ist also groß. Mit einigen im voraus getrunkenen Bieren intus (im Stadion wird nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt) betreten wir das Stadion und, wie wir schon fast erwartet haben, dauert es auch nicht lange, bis uns ein junger Kolumbianer unter seine Fittiche nimmt und uns die wichtigsten Fakten über seine Mannschaft erzählt.
Das Spiel beginnt, die Ultras in der Nordkurve vollführen eine beeindruckende Choreographie und die Stimmung ist, trotz des nicht extrem unterhaltendem Spiels ausgelassen. In der 35. Minute erziehlt Indepediente das einzige Tor des Spiels, Equidad, das übrigens keinen einzigen Auswärtsfan mitgebracht hat, bleibt über 90. Minuten fast durchgehend harmlos. Das Spiel endet, wir machen noch ein paar alberne Selfies mit unserem neuen besten Freund und gehen nach Hause.
Nikolaus und Emilias Hängematten
Da wir bis jetzt in jedem Land auf unserer Reise einmal im Kino waren, wollen wir diese Tradition fortsetzen und schauen uns die Spätvorstellung im nahen Multiplex an, ein nicht sonderlich innovativer Thriller mit James Franco und Kate Hudson, der aber zumindest unterhält. Nach drei Nächten in Medellin reisen wir schon weiter, zu einem Öko-Hostel in einem kleinen Ort bei Medellin. Diese Farmen haben uns bis jetzt immer am meisten gefallen, auch wenn man nicht mehr in der Stadt ist. Doch da wir eh kein Geld haben, um teure Stadt-Sachen zu machen, nehmen wir ein letztes Mal die Hochbahn und fahren zum Südterminal, wo es mit einem kleinen, klapprigen Bus weitergeht. Hoch durch die wunderschönen Berge nach Amagá.
Nach einer knappen Stunde Busfahrt kommen wir in Amaga an, eine etwas groß geratenes Dorf in den Bergen. Die Straßen sind steil, das Wetter sehr wechselhaft und die Bewohner gucken uns immer ein paar Sekunden zu lang hinterher. Vom Dorfplatz nehmen wir einen Jeep zum Ecohostal Medellin. Wir kommen an einem großen, sehr hübsch geplanten Grundstück an, wo sich bereits eine Menge Leute befinden. Paola, die Besitzerin bietet uns freundlich an, unsere Hängematten an Plätzen unserer Wahl aufzuspannen, ich hänge mich zwischen zwei Bäume mit Blick auf einen großen Berg, werde diesen Platz aber spätestens ab dem zweiten Tag bereuen, als sich ein großer Wolkenbruch über dem Hostel ergießt.
Für 5.000COP gibt es jeden Abend Essen, was ein günstiges Angebot ist, günstiger würden wir vermutlich selber nicht einkaufen können. Beim gemeinsamen Abendbrot merken wir, dass das Hostel brechend voll ist und nach einigen Gesprächen merken wir auch, warum. Alle Anwesenden machen hier einen Sprachkurs, der mehrere Wochen dauert und für 350 Dollar bekommt man Spanisch-Unterricht, Essen, Unterkunft und muss dafür ein bis zwei Stunden am Tag Farm-Arbeit machen.
Die Idee der Permakultur wird hier sehr ernst genommen, für mein Empfinden fast ein bisschen zu ernst. Auf dem Grundstück sind sowohl jeglicher Alkohol als auch Rauchen strikt untersagt, Paola versucht, keinen Müll zu verursachen. Leere Plastikflaschen füllt sie mit Plastikmüll und benutzt die vollen und relativ schweren Flaschen zum Bauen von Fundamenten. Der Strom kommt von Solarzellen und einige Lebensmittel baut sie selber an. Die anderen Leute im Hostel sind aber wesentlich entspannter drauf und wir werden von der ersten Minute wie selbstverständlich in der Gruppe aufgenommen. Die meisten kommen aus den USA oder Kanada, dazu noch ein Österreicher und ein Deutscher, der sogar nur ein paar Straßen weiter wohnt als ich. Dieser hat gerade seine Pilotenausbildung bei der Lufthansa abgeschlossen, die ihm aber wider Erwarten keine Arbeitsstelle angeboten haben und er zurzeit nochmal was ganz anderes studiert. Aufgrund einer Vertragsklausel darf er sich auch bei keiner anderen Airline bewerben und muss nun warten, was auf ihn zukommt. Er erzählt von der knallharten Einsparpolitik, die die Lufthansa zurzeit führt und mein Glaube an eines der ältesten deutschen Unternehmen verpufft innerhalb weniger Sekunden.
Ich und meine Hängematte
Trotz des Alkoholverbots geht es im Hostel ziemlich lustig zu. Zwar sind die Aufstehgewohnheiten hier mit unseren schwierig zu vereinbaren, da das Frühstück bereits um sechs Uhr aufgetischt wird und die gesamte Mannschaft dementsprechen schon gegen 9 Uhr abends ins Bett geht. Wir hatten eigentlich vor, höchstens zwei Nächte zu bleiben, da Emilia und Ich bereits Mitte März Kolumbien verlassen, aber die Leute sind so super und die Stimmung so angenehm, dass wir unseren Aufenthalt verdoppeln und uns mit vielen, vielen Leuten anfreunden.
Wir verbringen die Tage meistens auf der Farm, lesen, quatschen mit unseren neuen Freunden oder laufen zum Einkaufen in das Dorf. Der Weg dauert nur zwanzig Minuten, ist aber an einigen Stellen ordentlich steil, weshalb man sich am besten an den Straßenrand stellt und sich von einem der Mopeds oder Jeeps mitnehmen lässt, wobei man sich bei Zweitgenannten meistens auf die Plattform stellt und sich am Gerüst des Gefährts festhält.
Soweit Paolas Onkel das Grundstück betritt, ist immer ruck zuck Stimmung in der Bude, er gräbt charmant auf die im vorigen Blog bereits erwähnte direkte Art jedes weibliche Wesen an, macht lustige Sprüche und schon sein Mischmasch aus Spanisch und schlechtem Englisch ist einfach lustig. Paola verlässt am Donnerstagabend das Hostel, um nach Medellin zu fahren, die Sprachkursteilnehmer haben bis Sonntag "sturmfrei" und es macht sich ein ziemlich witziges "Mama ist nicht mehr da" Gefühl breit. Schon bald werden die strikten Regeln beiseitegewischt und es sprießen die Bierflaschen auf dem ganzen Gelände wie Pilze aus dem Boden. Ein lustiger, verrückter Abend bahnt sich an. Beim gemeinsamen Abendessen hält einer der Anwesenden eine plötzliche Ansprache und sagt, dass er unglaublich enttäuscht von allen sei, Emilia fängt spontan an zu lachen, da sie das Gesagte für einen schlechten Scherz hält, verstummt dann aber peinlich berührt, da das Ganze offensichtlich todernst ist. Die Stimmung ist für ein paar Minuten ziemlich gedrückt und unangenehm, als ich später mit ein paar Leuten über die Ansage spreche, sagen mir viele, dass man ihn nicht zu ernst nehmen sollte, er ist schon seit mehreren Monaten auf der Farm und gewissermaßen Paolas Stellvertreter. Die Ansage war an sich ja nicht verkehrt, etwas verwundert bin ich aber doch, als der sogenannte Stellvertreter dem anschließenden Lagerfeuer konsequent fernbleibt und das ganze offensichtlich extrem schlimm findet.
Die wunderschöne Berglanschaft
Alle verhalten sich vorbildlich, räumen ihre Bierdosen und anderen Müll artig auf und wir verbringen einen wunderschönen, magischen Abend am Lagerfeuer, spielen Gitarre, reden über das Leben, tauschen Geschichten aus und gehen alle mit einem Lächeln wieder ins Bett.
Für mich und Emilia wird die verbleibende Zeit allmählich knapp, in etwa drei Wochen fliege ich von Bogota zurück nach Deutschland, Emilia fliegt von Medellin in die Staaten und verbringt dort einen kleinen Urlaub mit ihrer Familie in New York, um danach noch nach Italien zu ihrer Familie zu fliegen. Für sie geht die Reise also noch etwas weiter, ich jedoch werde nach einem halben Jahr wieder in das normale Leben zurückkehren. Nikolaus wiederum leiht sich noch Geld von Verwandten, um noch einen Abstecher nach Venezuela zu machen.
Sowohl Geld als auch Zeit sind knapp, also planen wir die letzten Tage und Etappen genau durch. Wir entscheiden uns für Emilias Vorschlag, nach Manizales zu fahren, eine Studentenstadt, ein paar wenige Busstunden südlich von Medellin. Wir haben schon seit längerem Lust wieder zu couchsurfen, aber auch in Manizales sagen uns alle Leute ab, die wir angeschrieben haben. Zu dritt ist sowas natürlich wesentlich schwieriger.
Wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden, fahren zurück nach Medellin und nehmen einen günstigen Bus nach Manizales.

Paul