Dienstag, 30. Dezember 2014

11. Etappe - San Christobal de las casas

Nach einer langen Fahrt, in der wir nicht nur etwa 500 Km, sondern auch 3000 Höhenmeter zurücklegen, erreichen wir San Cristobal de las Casas. Nachdem wir ein paar mal heftig geschluckt und damit unsere Ohren wieder befreit haben, marschieren wir durch die historische Innenstadt zu unserer Unterkunft.
Auch San Christobal ist, wie viele andere Städte in Mexiko von den spanischen Eroberern angelegt und geplant worden. Die Stadt ist ein einziges Schachbrettmuster, nur durchbrochen von Marktplätzen, Rathäusern oder Kirchen. Die Häuser sind sehr flach und verfügen meistens nur über ein Stockwerk, im Erdgeschoss gibt es Lokale oder Geschäfte, im ersten Stock wird gewohnt. Die Stadt erinnert uns sehr an Ciudad de Oaxaca, allerdings mit dem Unterschied, dass es hier gefühlte 20°C milder ist. Es ist kalt. Arschkalt sogar und wir fragen uns eine Zeit lang, wieso wir denn den malerischen Strand von Mazunte unbedingt verlassen mussten.

El casa de la libertad
Daniel hatte uns ein Hostel mit dem Namen Casa de Libertad empfohlen, mit dem Hinweis, dass wenn man auf abgefreakte Künstler und Spinner steht, man es mögen wird. Wir mochten es allerdings vorwiegend wegen des Preises, der mit 40 Pesos pro Person im Schlafsaal als spottbillig zu bezeichnen ist. Als wir ankommen, ist aber leider nur noch ein Platz im Schlafsaal frei, weshalb Emilia und ich uns ein spärlich eingerichtetes Doppelzimmer teilen, welches leider nicht annähernd so billig ist.
Leider sind wir beide nicht im besten gesundheitlichen Zustand, was durch den unbefriedigenden Schlaf im Bus noch verstärkt wird. Schon in Mazunte hatte ich mich mit einer nervigen Mittelohrentzündung rumgeschlagen, die zwar schon abgeklungen, aber durch den Transport von Mazunte nach Puchutla im offenen VW-Bus wieder in voller Stärke zurückgekehrt ist.
Das Hostel ist eher als eine große Kommune  als Hostel zu bezeichnen. Nikolaus und Emilia bekochen, während ich im Bett vor mich hinwegetiere, am Abend alle Bewohner mit einer leckeren Tomaten-Karottensuppe und kriegen mit, wie die Konversation in der Küche mit zunehmender Zahl gerauchter Joints merklich nachlässt.
So angenehm der gemeinschaftliche Gedanke, alles mit allen zu teilen auch ist (der spannenderweise nicht auf das Klopapier zutrifft, zumal mir viele dort erzählen, dass sie kein Klopapier benutzen und es auch viel angenehmer ist), so kann auch das nicht darüber hinwegtrösten, dass Emilia und ich eine ziemlich unangenehme Nacht in einem nicht isolierten Zimmer verbringen und uns beide den Arsch abfrieren.
Auch wenn die anderen Bewohner auf ihre eigene Art ziemlich unterhaltsam waren, beschließen wir am nächsten Morgen das Hostel zu wechseln und ziehen weiter.
Das Zimmer ist diesmal isoliert und die Matratze liegt nicht auf dem nackten Steinfußboden und wir spazieren durch die kalte Stadt.

Wir besichtigen Kirchen, riesige Marktplätze, wandern durch kleine Straßen mit engen Bürgersteigen und spätestens in dieser Stadt wird uns klar, dass Mexiko weit mehr ist als Wüste und Kaktus. Waren wir noch vor ein paar Tagen im absoluten Strand/Tropen/Surferparadies, sind wir nun, irgendwo mitten in den Bergen von Mexiko in einer kalten, aber wunderschönen und vor allem ruhigen Stadt.
An unserm dritten Tag erleben wir zum ersten Mal offen die Seite von Mexiko, die häufig in unseren deutschen Medien präsentiert wird.
Es ist Jahrestag der Revolution und traditionell wird dieser Tag zu Protestkundgebungen genutzt, um über Missstände im Land aufmerksam zu machen. In diesem Jahr aber hat sich die Wut der Bevölkerung gegen die Regierung besonders aufgestaut. Jahr für Jahr verschwinden etwa 10.000 Menschen spurlos und ohne weitreichende Ermittlung der Behörden. Die 43 Studenten, die ein korrupter Bürgermeister in einer kleineren Stadt im Bundesstaat Guerrero zunächst von der Polizei hat entführen und schließlich von der Drogenbande Bandidos Unidad hat ermorden lassen, haben nun das Fass zum Überlaufen lassen. Die meisten Mexikaner mit denen wir darüber gesprochen haben, schämen sich  in Grund und Boden für ihre korrupte Polizei und ihre handlungsunfähige Regierung.
Desweiteren sind einige amerikanische Firmen im Land enorm mächtig. Coca Cola gehört gefühlt die Hälfte aller Getränkemarken im Land, außerdem betreiben sie eine sehr erfolgreiche 24-Stunden-Minisupermarkt Kette namens Oxxo.
Als wir an diesem Tag der Revolution morgens das Hostel verlassen wollen, werden wir von der Herbergsmutter warnend darauf hin gewiesen, dass es in der Stadt brodelt und ihre Warnung, das Hostel besser nicht zu verlassen, hallt dramatisch in uns nach, als wir uns nach draußen auf die Straße begeben. Auch wenn es sich zunächst so anfühlt, als wäre nichts los, stoßen wir nach ein paar Straßenblöcken auf einen wütenden Mob, der gerade einen der bereits erwähnten Oxxos auseinander nimmt. Von der Polizei fehlt jede Spur, vermutlich hat sie Order, noch nicht einzugreifen, solange es sich nur um Sachbeschädigung handelt.
Ramponierter Oxxo
Das revolutionäre Bild verpufft allerdings relativ schnell. Nach einigen Minuten merken wir erstens, wie sinnlos es ist, eine Franchise-Filliale zu zerlegen, auch wenn sie Coca-Cola gehört. Zweitens besteht die Revolutionsarmee größtenteils aus Jugendlichen, die sich kostenloses Bier aus den zerschmetterten Tiefkühlregalen holen.
Wir verlassen den Platz relativ schnell, erstens aus Langeweile, zweitens wollen wir ungerne doof in der Gegend herumstehen, falls irgendwann doch noch die Polizei anrückt.
Wir lassen uns also in einem Kaffee in der Fußgängerzone nieder, wo uns Kyle, den wir bereits in Mazunte kennengelernt haben, über den Weg läuft. Wir erzählen ihm, was wir gerade gesehen haben und er stakst los, um auch gar nichts zu verpassen.
Während wir also vor dem Café sitzen, bietet sich uns ein abwechsunglsreiches Bild.
Die Polizei scheint inzwischen doch angerückt zu sein, anders können wir uns die Geräusche, die inzwischen Richtung Marktplatz kommen nicht erklären. Nach einer Weile marschiert ein relativ überschaubarer Trupp Menschen am Café vorbei und brüllt revolutionäre Sprechchöre vor sich hin. Nach etwa zehn Minuten kehrt dieser wieder auf demselben Weg Richtung Marktplatz zurück, gefolgt von einer kleinen Armee schlecht gelaunter Polizisten.
Schon nach kurzer Zeit scheint der Spuck vorbei und wir treffen Kyle wieder, der uns sichtlich aufgeregt Bilder und Videos zeigt, die er am Marktplatz gemacht hat. Nachdem einer der Oxxos in Flammen aufging, schien die Polizei doch noch dazwischen gegangen zu sein. Opfer dieses Konflikts waren ein weiterer Oxxo, eine HSBC Bank und auch das Rathaus hat einige Farbbomben abgekriegt.
Trotz dieser durchaus massiven Gewalt haben wir uns nie sonderlich bedroht gefühlt, da sich der Protest der Mexikaner nicht gegen uns, sondern gegen den Staat und seine Unfähigkeit, die Probleme des Landes in den Griff zu bekommen gerichtet hat. Erst später hören wir von Gerüchten, dass der Staat teilweise gezielt Jugendliche aus den umliegenden Dörfern als Kravallmacher angeheuert hat, um somit der gerade entstehenden Protestkultur, die vorwiegend von den jungen Studenten getragen wird, in ein negatives Licht zu rücken. Uns wird allmählich klar, dass die negativen Schlagzeilen aus unseren Medien ein sehr einseitiges Bild von Mexiko zeichnen. Das Land ist erstens riesengroß und zweitens sind die Aufstände im Land keinesfalls gegen Touristen gerichtet, weshalb sich diese nicht sonderlich fürchten sollten, Mexiko einen Besuch abzustatten.
Die restlichen Tage in San Christobal vergehen relativ ereignislos. Während Emilia und ich uns noch schonen, macht Nikolaus eine kleine Bergwanderung und findet sich relativ schnell im absoluten Nirgendwo wieder, allerdings natürlich nicht, ohne unsere alten Freund, Sandals Man wiederzutreffen und mit ihm wie immer höchstens ein paar Sätze zu wechseln.
Nach vier Tagen in San Christobal ziehen wir schon weiter und nehmen einen der berühmt berüchtigten Collectivos, kleine Toyota-Busse, die mit ordentlicher Geschwindigkeit durch die kleinen Bergstraßen rauschen, Richtung Palenque.




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